Murphy's Law
 

Als ich Leonard Worthington das erste Mal gegenüberstand, hätte ich mir fast in die Hose gemacht... glücklicherweise hatte ich nen Rock an, also hab ich mir zumindest diese Peinlichkeit erspart. Zuerst hielt ich ihn für einen Psychopathen, dann für einen Psychiater, dann für eine Halluzination... und heute ist er mein Ehemann. Was sagt uns das? Ich habe keine Ahnung, okay?! Seit ich ihn kenne hätte ich fast meinen Verstand verloren (andere mögen behaupten, das wäre auch der Fall, aber die sind ne doofe Nudel!), wäre beinahe gekreuzigt worden, hab mich in Tibet mit der ältesten Frau der Welt angelegt und bin zur fetten Seekuh mutiert, um nur einige der turbulenteren Stationen zu nennen. Aber er hat mir so viel gezeigt, von dem ich ziemlich sicher bin, dass es so garantiert nicht auf dem Lehrplan steht! Natürlich ist er längst mehr als nur mein Mentor, klar ...und wenn Jean-Paul ihn noch einmal anrührt, fackel ich ihm die Haare ab!


Ich weiß es, ich hätte ihm damals im Diner schon die Augen auskratzen sollen, es hätte mir wahnsinnig viel Ärger erspart. Ich muss vollkommen geistig umnachtet gewesen sein, und dann... wars irgendwie auch schon zu spät. Man könnte sagen, unsere Beziehung hätte sich seitdem mehr oder weniger eingependelt. Wenn ich ihn gerade nicht abgrundtief hasse, dann möchte ich ihn einfach nur erwürgen oder ihm sein verdammtes Grinsen aus dem Gesicht schlagen. Das Leben mit ihm ist ein Krampf und ich hasse nicht nur seine selbstgefällige Art oder die saublöde Visage, die mich wirklich sämtliche Nerven kostet, auch seine bescheuerten Macken und die noch ätzenderen Sprüche, die er jedes Mal reißt. Ich hasse die Art, wie er mit anderen Frauen umgeht und dass er mir trotz all unserer Differenzen nicht so egal ist wie ich ihm. Am meisten hasse ich ihn aber für die Tatsache, dass... ich ihn einfach nicht hassen kann.


Ehrlich, manchmal kommts mir so vor, als wäre Etienne von den Leuten in meiner Umgebung derjenige, der am wenigsten verrückt ist - und das will was heißen, immerhin spreche ich hier über jemanden, der seine Unterhosen auf dem Kopf trägt wenn man mal fünf Minuten nicht hinsieht, und dessen bevorzugte Form der Kommunikation aus französischen Kinderliedern besteht. Kinderliedern aus dem 19. Jahrhundert. Anfangs war ich ziemlich eingeschüchtert von ihm, weil ich nie wusste, wie ich mit ihm umgehen sollte... er war gefährlich und unberechenbar und wahrscheinlich hat er gespürt, dass ich Angst vor ihm hatte. Mittlerweile ist das anders, aber was wären die Familienparties ohne Etienne, der irgendwann auf dem Klo hängt und den Kuchen auskotzt? Er ist Leonards Kind und irgendwie... ist er auch meins.


Tja, als hätte ich noch nicht genügend Verrückte in der Familie, nein, natürlich muss irgendwann auch noch mein verdammter Bruder auf der Bildfläche erscheinen. Er hat mir in der Dessousabteilung aufgelauert und mich mit einem Foto von meiner Mutter geködert, ich konnte also gar nicht absagen (obwohl ich ihn anfangs für einen Perversling gehalten hab. Ist er ja irgendwie auch). Vielleicht hätte ich misstrauisch werden sollen, dass er selbst im Sommer mit Mantel und Schal herumgetrabt ist, aber ich konnte ja nicht ahnen, dass er ansonsten eher höllische Temperaturen gewöhnt ist! Ich finde ihn ziemlich nett. Ehrlich, ich mag ihn. Wenn er nicht hier wäre um meine Tochter zu töten, um dadurch die Schande unseres Vaters (soll heißen: Meine Geburt) wieder auszumerzen, würde ich ihn bestimmt auch zum nächsten Thanksgiving einladen. 

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